Brief einer Biene an die Menschheit

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Brief einer Biene an die Menschheit

Gestatten, ich bin eine Honigbiene der Rasse Carnica. Mein Name? Nicht wichtig, wir Bienen fühlen uns wie ein großer Organismus, in dem einzelne Individuen nicht sehr gefragt sind. Frei nach dem Motto der Musketiere: Einer für alle, alle für einen. Gemeinsam mit 40.000 Mitbewohnerinnen lebe ich in einem Bienenstock. Sie haben richtig gelesen, wir sind fast ein reiner Weiberhaushalt. Auch unser Chef ist eine Sie – Königin wird sie von den Menschen genannt. Sie ist unsere Mutter, denn außer Eierlegen kann sie nichts. Ist ok, aber nichts für mich. Oder würden Sie gern jeden Tag im Sommer 2.000 Eier legen? Einige Männer gibt es auch bei uns, die Drohnen, die sind aber relativ unnütz. Die Typen können nicht einmal allein fressen und schlafen gern lang. Erst gegen Mittag machen sich auf die Beine, immer auf der Suche nach Jungköniginnen, um diese zu begatten. Im Stock ist Sex tabu, wir haben genug anderes zu tun. Gleich nach dem Schlupf putzen wir drei Tage den Stock. Sind unsere Futtersaftdrüsen entwickelt, füttern wir als Kindermädchen die Maden. Ein toller Job – die Kleinen sind einfach süß. Reifen die Wachsdrüsen, werden wir Baumeisterinnen der Waben. Mit zirka 16 Tagen füllt sich unsere Giftdrüse und wir werden Wächterinnen. Ich bin jetzt 20 Tage alt, die Futtersaftdrüse ist umgewandelt und ich darf endlich Nektar sammeln, um Honig zu produzieren. Seit ich 20 Tage alt bin, darf ich den Bienenstock verlassen und die fantastische Welt draußen erkunden! Ich sehe die Sonne, den Himmel, die Blumen – der Blick von oben ist atemberaubend. Doch der erste Flug war wie ein Sprung ins kalte Wasser, Training gab es vorher keines. Verzweifelt habe ich mich an eine alte Sammlerin gehängt, um nicht allein herumzutrudeln. Sie hat mich zu einer wunderschönen Wiese geleitet, wo wir gemeinsam den süßen Zuckersaft aus den Blüten gesammelt haben. Plötzlich war ich allein, aber was soll’s! Dank unseres körpereigenen Orientierungssystems – danke, liebe Sonne – finde ich immer nach Hause. Zurück im Stock, übergab ich pflichtbewusst meinen Nektar einer Lagerarbeiterin, die ihn zur Weiterverarbeitung in die Honigzellen brachte.

Mittlerweile bin ich ein Profi: Alles kein Problem – Blumen suchen, Nektar sammeln, Spinnennetzen und Vögeln ausweichen, manchmal ein Nervenkitzel, meistens ein Spaß. Besonders hilfreich ist unser Kommunikationssystem, der Bienentanz. Damit beschreiben unsere Kundschafterinnen, wo aktuell die schönsten Blumenwiesen zu finden sind. Einmal bin ich ein bisschen zu weit aus meinem Zielgebiet geflogen, das hätte ich beinahe mit meinem Leben bezahlt. Wenn wir weiter als drei Kilometer fliegen, verbrauchen wir einen großen Teil des Nektars als Flugbenzin und kommen mit leerem Tank nach Hause. Doch dieses knallgelbe Feld hat mich magisch angezogen, also Sturzflug und Punktlandung, Rüssel ansetzen und saugen. Im Übereifer hörte ich den Lärm nicht, der schnell näherkam. Plötzlich war es dunkel und nass, es roch seltsam – mir war unheimlich. Sobald ich wieder trocken war, düste ich mit 30 km/h Vollgas nach Hause. Im Stock wurde ich mit wenig Begeisterung empfangen – erst musste ich in die Reinigung, dann zum Rapport. Wo ich gewesen wäre und so, eine ältere Biene stenografierte mit. Mir wurde mitgeteilt, ich hätte Pflanzenschutzmittel auf den Pelz bekommen und der Nektar sei minderwertig. Was der Bauer gespritzt hat, hinterlässt Rückstände im Honig. Man kann sich ausmalen, was passiert, wenn die Maden damit gefüttert werden. Warum macht der Mensch so etwas? Er isst unseren Honig doch selbst? Am nächsten Tag eine neue Herausforderung; ein Feld mit Pflanzen ohne Nektar. Ich flog in alle Richtungen, überall das Gleiche – und ich war doch so hungrig. Als ich Tropfen in den Blattachseln glitzern sah, wollte ich meinen Rüssel hineinstecken, doch ein lautes NEIN, TU ES NICHT hielt mich zurück. Eine andere Biene schubste mich vom Blatt. Blöde Nuss, was soll das? Nachdem wir auf dem Boden gelandet waren, meinte sie, ob ich lebensmüde sei. Das Zeug wäre toxisch, würde mich zwar nicht sofort töten, sondern quasi mein GPS deinstallieren, dann könnte ich nicht mehr zu meinem Volk finden, das hieße ein Tod auf Raten.

Und jetzt zur Sache: Uns Bienen geht es gar nicht gut. Die Felder werden größer, die Lebensräume für Insekten und Vögel schwinden. Immer mehr Pflanzen werden nur zur Energiegewinnung angebaut. Doch wir Bienen brauchen viele verschiedene Pflanzen mit Nektar. Ist den Menschen eine abwechslungsreiche Ernährung nicht wichtig? Wir alle sind in einem Kreislauf, den niemand zerstören darf. Aus unserer Arbeit entstehen Früchte und Samen. Die Früchte benötigt der Mensch zum Leben, Samen sind Nahrung für die Vögel und es wird Öl daraus. Wiesen und Grünfutter sind Futter für Nutztiere. Sie merken schon, in welche Richtung das geht. Da rollt eine Katastrophe auf uns zu. Ich persönlich kann mich ja durch vorzeitiges Ableben bequem aus der Misere ziehen, doch wie sieht es mit Ihrer Zukunft aus? Wer bestäubt die Pflanzen, wenn es uns nicht mehr gibt? Wie soll Obst und Gemüse wachsen und gedeihen? Weltweit arbeiten wir auf Hochtouren, um über 80 Prozent aller Feldfrüchte zu bestäuben und das kostenlos! Wollen Sie so enden wie die Chinesen, die durch die Ausrottung meiner Artgenossen jetzt selbst in die Bäume klettern müssen, um die Blüten mit der Hand zu bestäuben? Mit uns Bienen schließt sich der Kreis. Wenn es uns nicht mehr gibt, findet keine Bestäubung statt und der Kreislauf ist inaktiv. Ein Leben ohne Bienen scheint einfach unmöglich!,

Mein Aufruf an die Menschheit: Macht endlich die Augen auf und hört auf, die Welt zu vergiften! Denkt die Geschichte doch zu Ende! Wie ist das mit euren Kindern und Enkeln? Wollt Ihr ihnen nicht eine lebenswerte Welt überlassen mit unserer großartigen Natur und all ihren Lebewesen? So, das war es von meiner Seite, ich habe jetzt nur noch wenige Tage übrig von meinem Leben, und die würde ich ganz gern meinem Volk und seinem Überleben widmen. Tja, hört sich bitter an, ist für uns aber total normal. Mit 35 Tagen sind wir Honigbienen einfach platt. Es grüßt eine sehr besorgte Biene, die (zu) viel von der Welt gesehen hat und sich große Sorgen macht! Die Hoffnung bleibt, dass dieser Appell gehört wird!

Brief einer Biene an die Menschheit

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Dieser Brief der Biene an die Menschheit wurde von Undine Westphal geschrieben und für ARCOTEL Hotels zur Verfügung gestellt. Fr. Westphal ist Schulimkerin, Autorin zahlreicher Fachbücher und hält regelmäßig Vorträge und Schulungen für alle Interessierten. Viele wissenswerte Infos finden Sie auch auf ihrer Homepage.

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